Straßenkinder

Unter normalen Umständen durchläuft ein Kind unterschiedliche Stationen der Sozialisation: Als erstes in der Familie, darauf folgen Kindergarten, Schule,Freundeskreis und Berufsausbildung. Bei weltweit 100 Millionen Kindern wird die Straße zum Ort der Sozialisation.

Auf der Straße zu leben bedeutet, in ständiger Angst zu leben, unter ungeheurer Spannung zu stehen und nicht zu wissen, wie man den nächsten Tag überstehen soll.

Sogenannte Straßenkinder haben keinerlei Rückzugsmöglichkeiten: Sie sind Gewalt, Drogen, Kriminalität, Anfeindungen und der Willkür der Erwachsenen schutzlos ausgeliefert. Von der Gesellschaft werden sie diskriminiert und ausgeschlossen: Kaum ein Straßenkind geht in die Schule, kann Lesen und Schreiben oder wird regelmäßig medizinisch versorgt. Eine ausgewogene, ausreichende Ernährung fehlt meist ebenso wie der Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Jeder Tag ist ein Kampf – ein Kampf ums Überleben.

Straßenkinder leben von der Hand in den Mund und sind gezwungen, sich mit legalen und illegalen Tätigkeiten über Wasser halten: Betteln, Schuhe oder Fensterscheiben putzen, Pakete schleppen, Müll sammeln – damit verdienen sich Straßenkinder ihr Geld – jeden Tag. Viele Kinder geraten aus ihrer Not in kriminelle Kreise. Um sich behaupten zu können, übernehmen die Kinder oft auch die Verhaltensweisen der Erwachsenen: Sie beschaffen sich Geld durch gewaltsamen Diebstahl, durch Prostitution und Drogenhandel. Um das Leben und das Leid auf der Straße überhaupt ertragen zu können, flüchten viele in Alkohol und Drogen.

Viele Straßenkinder schließen sich in ihrer Einsamkeit zu bandenähnlichen Gruppen zusammen und hoffen, dadurch den täglichen Gefahren besser trotzen zu können. Jedoch wiederholt sich in diesen Gruppen nicht selten die bereits bekannten Muster der Gewalt: Vergewaltigungen und physische und psychische Gewalt. Insbesondere zwischen Jungen und Mädchen und Anführern und weniger etablierten Bandenmitgliedern.

Zudem werden Straßenkinder oft als öffentliches Ärgernis angesehen, dem mit polizeilichen, oft sehr brutalen Maßnahmen begegnet wird. Mancherorts werden sie gezielt durch Prügeleinsätze der Polizei oder sogar Todesschwadronen verfolgt und getötet. Vielerorts sind sie Opfer von Missbrauch, werden vergewaltigt oder zu Diebestouren gezwungen.

Der brutale Überlebenskampf auf der Straße zerstört Körper und Seele. Je länger die Kinder auf der Straße leben, desto schwieriger wird die Rückkehr in die Gesellschaft und somit in ein Leben jenseits der Straße.

Bildung ist für Straßenkinder der einzige Ausweg aus einem Leben voller Elend, Gefahren und Unwissen und der Einstieg in ein Leben, das diese Bezeichnung tatsächlich verdient.

Jedoch darf sich die die Arbeit mit Straßenkindern  nicht an vermeintlichen „Normalbiografien“ orientieren: Allein den Zugang zu Bildung zu ermöglichen reicht nicht aus: Begleitend zu den schulischen bzw. beruflichen Angeboten, benötigen diese Kinder und Jugendlichen psychologische Betreuung, sinnvolle, außerschulische Beschäftigung und einen Raum, in dem sie das sein dürfen, was sie sind: Kinder.